Hashtags bei Twitter oder die Frage: wie entstehen Schlagwörter in New Social Media?

Schlag­wör­ter sind wich­tig, wich­tig zum Archi­vie­ren, Suchen und Auf­fin­den von bestimm­ten Din­gen. Kurz, prä­gnant, aber auch nach Auf­merk­sam­keit haschend sol­len sie sein. Klas­si­scher­weise wer­den sie in Archi­vie­rungs– und Infor­ma­ti­ons­diens­ten wie bei­spiels­weise in Kata­lo­gen oder Regis­tern genutzt. Grund­sätz­lich stellt sich dabei die Frage, wie ver­schlag­wor­tet man. In einem Sys­tem, wel­ches indi­vi­du­ell von nur einer Per­son genutzt wird, ent­ste­hen Schlag­worte nach per­sön­li­chem Ermes­sen, nach der eige­nen Logik. Aber was pas­siert bei einer Gruppe? Da sind ja die Auf­fas­sung, wie bestimmte Dinge benannt wer­den sol­len, auf­grund der ver­schie­de­nen Per­sön­lich­kei­ten unter­schied­lich. Bei­spiels­weise die Ereig­nisse um 1989: nennt man sie nun “Wende”, “Fall der Ber­li­ner Mauer”, “Wie­der­ver­ei­ni­gung”? Biblio­the­kare haben als eine Lösung für ihre Kata­loge die Ver­schlag­wor­tung nach der Sys­te­ma­tik der Deut­schen Natio­nal­bi­blio­thek gefun­den. Schnell und gut kann man sich da zurecht­fin­den. Aber was ist mit New Social Media mit sei­nen Tags und Hash­tags? Mit den Hash­tags (=Schlag­wör­ter, über denen die Suche auf Twit­ter funk­tio­niert) bei Twit­ter bei­spiels­weise? Sie ent­ste­hen im Fluß, aus den Gesprä­chen her­aus. Manch­mal sind sie ein­deu­tig (bei­spiels­weise alle Infor­ma­tio­nen über die Netz­sperre wur­den mit #zen­s­urla gekenn­zeich­net), oft aber durch die Per­sön­lich­keit der Twit­te­rer unein­deu­tig (causa google hat meh­rere Bezeich­nun­gen: #gbs, #Goog­le­Book­Sett­le­ment, im wei­tes­ten Sinne auch Hei­del­ber­ger Appell mit #HdbA). Und dann? Dann gehen Infor­ma­tio­nen ver­lo­ren, die Suche bringt nicht ein umfas­sen­des Ergeb­nis. Damit wird es schwie­rig, Twit­ter als Aus­kunfts­dienst zu nut­zen. Das glei­che gilt auch für andere Dienste, z. B. bei Mr. Wong als Book­mark­dienst. Über­all dort, wo die per­sön­li­che Kom­po­nente des Ver­schlag­wor­ters gegen­über einer Voll­text­su­che über­wiegt. Was mei­nen Sie dazu? Wel­che Lösungs­vor­schläge haben Sie?

P. S.: Es gibt übri­gens eine Schlag­wort­for­schung, Weg­be­rei­ter sind der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler Richard M. Meyer sowie der Leip­zi­ger Phi­lo­loge Otto Laden­dorf.

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Wenke Richter

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17

09 2009

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  1. Ben #
    1

    Der Haupt­un­ter­schied zwi­schen den Schlag­wort­sys­te­men in Biblio­theks– und Doku­men­ta­ti­ons­sys­te­men und dem Tag­ging z.B. bei Twit­ter, deli­cious, con­ne­tea, etc. liegt darin, dass ers­tere auf ein so genann­tes “kon­trol­lier­tes Voka­bu­lar” nut­zen, woge­gen Social Media-Anwendungen völ­lig frei per­sön­li­che (Per­so­no­mien) oder Grup­pen­vo­ka­bu­lare (Folk­s­o­no­mien) zulas­sen, die oben­drein belie­big ver­mischt ange­wen­det werden.

    Bei Twit­ter grei­fen der Nut­zer dank die Zei­chen­be­schrän­kung hinzu oben­drein zu diver­sen Abkür­zungs­mus­tern. Zudem tag­gen Nut­zer natür­lich in unter­schied­li­chen Spra­chen, so dass es außer bei glo­ba­len Eigen– oder Mar­ken­na­men (“Google”) auch hier wenige syn­tak­ti­schen Über­schnei­dun­gen gibt. Oft aber Homo­gra­phen (angel und Angel, sense und Sense).

    Ich glaube gene­rell nicht, dass Folk­s­o­no­mien als Recherchein­stru­ment für den Anspruch eines “umfas­sen­den Ergeb­nis­ses” geeig­net sind. Ihre Stärke liegt viel­mehr in der so genann­ten “Seren­di­pity”, also dem unge­plan­ten Sto­ßens auf einen Inhalt. Sie sind inter­es­sant zum Brow­sen und las­sen even­tu­ell Rück­schlüsse dar­auf zu, wie Inhalte von Nut­zern rezi­piert wer­den. Am Ende glei­chen sie aber häu­fig mehr einem Grei­fen im Dunk­len, als einer exak­ten Recherche.

    Bei sehr popu­lä­ren The­men (Leit­mel­dun­gen der Nach­rich­ten­agen­tu­ren o.ä.), wird die Unschärfe durch die Masse z.T. aus­ge­gli­chen: Es tag­gen der­art viele Men­schen einen Inhalt, dass die Chance auf jeman­den zu sto­ßen, der das selbe Voka­bu­lar ver­wen­det recht groß ist. Glei­ches gilt für eng spe­zia­li­sierte The­men, z.B. in der Wis­sen­schaft, wo ein­zelne dis­zi­pli­näre Berei­che von vorn­her­ein auf ein sozial kon­trol­lier­tes Voka­bu­lar zurück­grei­fen. Wie prä­zise eine Recher­che über Tags ist, hängt also auch vom kon­kre­ten The­men­feld ab.

    Zukünf­tig sind mög­li­cher­weise Mapping-Ansätze denk­bar (z.B. beforscht man in der Biblio­theks– und Infor­ma­ti­ons­wis­sen­schaft die­ses Feld), die auf einem dyna­mi­schen Meta­vo­ka­bu­lar auf­bauen, in das neue Tags mit ihrem Bedeu­tungs­ge­halt ein­ge­hen und zu ande­ren Tags in Rela­tion gesetzt werden.

    Mit einem sol­chen Begriffs-Netzwerk wären gänz­lich neue Recher­che­an­sätze denk­bar, die die auch bei kon­trol­lier­ten Voka­bu­la­ren eher beschränkte Recher­che über Ein­zel­schlag­wör­ter ablö­sen könn­ten. Hier befän­den wir uns dann in einer Facette des so genann­ten “Seman­tic Web”.
    Nur sind sol­che Ent­wick­lun­gen extrem auf­wen­dig und kom­plex. Man­cher ver­mu­tet, dass Google in diese Rich­tung strebt und das Scan Pro­jekt vor­wie­gend dazu dient, einen Kor­pus an Voka­bu­lar zu erhe­ben, auf des­sen Grund­lage dann solch eine seman­tisch aus­les­bare Struk­tu­rie­rung erfolgt. Ob wir spä­ter den Voll­tex­ten über­haupt noch Tags zuwei­sen müs­sen, oder die Maschine auto­ma­tisch nach Anfrage die jeweils rele­vante Bestand­teile extra­hiert, steht auf einem noch ande­ren Blatt.

    Aktu­ell ist es so, dass Tags durch­aus hilf­reich sind, wenn es darum gilt, Inhalte aus­zu­zeich­nen und auf­zu­fin­den. Einem bibliothekarischen/dokumentarischen Anspruch genü­gen sie aber bes­ten­falls in geschlos­se­nen Sys­te­men. Auch ist die Nor­mie­rung nicht im Sinn der Folk­s­o­no­mies: Hier geht es ja expli­zit um die Frei­heit der Ver­schlag­wor­tung, die nicht mehr allein in den Hän­den von weni­gen Exper­ten liegt.

    Als Aus­kunfts­dienst sind Twit­ter und ähnli­che Anwen­dun­gen aber immer dann geeig­net, wenn an bei­den Enden ein Mensch sitzt und beide Par­teien — z.B. über ein fixes Tag — zuein­an­der fin­den. Denn Men­schen inte­pre­tie­ren natür­lich­sprach­li­chen Aus­sa­gen in der Regel weit­aus bes­ser als jede Maschine.

    Die dabei auf­tre­ten­den Ambi­gui­tä­ten und Lücken sind momen­tan nicht über­brück­bar und viel­leicht auch gewünscht. Denn Unschär­fen und Lücken gehö­ren zum mensch­li­chen Den­ken durch­aus auch im posi­ti­ven Sinn dazu.

  2. 2

    Hallo Ben,
    vie­len Dank für den umfang­rei­chen Kom­men­tar und den ergän­zen­den Erläuterungen!

  3. AndreasP #
    3

    Eine recht anre­gende Lek­türe (nicht nur) dazu ist z. B. das Buch “Ever­y­thing is Mis­cel­la­neous”. Siehe http://www.everythingismiscellaneous.com/


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