Lovelybooks-Event “Social Web”: Gedanken zur Nutzung von Social Media in der Buchbranche

Ges­tern fand im Münch­ner Lite­ra­tur­haus das bran­chen­über­grei­fende Lovelybooks-Event “Social Web: Der direkte Kon­takt zum Leser” statt. Zwar konnte ich lei­der nicht direkt teil­neh­men, aber dank Livestream und Twit­ter die Ver­an­stal­tung gut mit­ver­fol­gen. Ver­lags­mit­ar­bei­ter, Buch­händ­ler, Anti­quare, Auto­ren, Blog­ger und Buch­freunde tra­fen sich, um über die Mög­lich­kei­ten und den Nut­zen von Social Media in der Buch­bran­che zu dis­ku­tie­ren. In das Thema führte zu Beginn Lean­der Wat­tig mit sei­nem Vor­trag “Was ist das Social Web? Wel­che Tools sind wich­tig und was hat das eigent­lich mit Büchern zu tun?” ein. Nina Red­de­mann, bei Han­ser für den Bereich Online­mar­ke­ting zustän­dig, stellte in einem Fall­bei­spiel vor, wie Han­ser die Community-Plattform Face­book nutzte. Nach der Mit­tags­pause ging es mit Twit­ter wei­ter. Tho­mas Pfeif­fer von den webevangelisten.de erklärte die Funk­ti­ons­weise die­ses Micro­blog­ger­diens­tes. Einen Höhe­punkt stellte dabei die ers­ten Twit­ter­geh­ver­su­che des Kri­mi­au­to­ren Andreas Franz dar, dem extra für die Ver­an­stal­tung ein Account ein­ge­rich­tet wurde (@krimifranz, jetzt schon 118 Fol­lo­wers bei 2 Tweets, Stand: 6.2.2010). Ohne Zurück­hal­tung tat Franz seine Mei­nung über Twit­ter kund. Einen Sinn in der Nut­zung die­ses Social Media Tools sah er (noch) nicht. Im Inter­net ist er mit sei­ner Web­site und dem Mai­ling gut unter­wegs, meint er. Das Thema “Auto­ren im Social Web” setzte Mar­cus Rafels­ber­ger fort. Der PRler setzte zur Bewer­bung sei­nes Romans bewußt Online­mar­ke­ting ein, die ent­spre­chen­den Kanäle zeigte er in sei­nem Vor­trag auf. Zwei Dinge waren dabei recht inter­es­sant. Zunächst bekam er nur mar­gi­nale Unter­stüt­zung durch sei­nen Ver­lag, der Social Media nicht exten­siv nutzte. Zwei­tens resü­mierte er nur ein “maues” Ergeb­nis sei­ner Bemü­hun­gen. Wie Social Media von Buch­hand­lun­gen und Buch­com­mu­nities (Rezen­si­ons­por­tale, Blog­ger) genutzt wer­den kann, zeig­ten Susanne Mar­tin von der Schil­ler­buch­hand­lung in Stutt­gart und Karla Paul von Buchkolumne/Lovelybooks auf. Frau Mar­tin ist u. a. auf Twit­ter (@SchillerBuch) und Face­book unter­wegs. Zudem nutzt sie Pod­cast zur Vor­stel­lung von Büchern. Ambi­va­lent sieht sie die Nut­zung von Social Media, da weni­ger Leser, als viel­mehr Kol­le­gen aus der Bran­che bei­spiels­weise auf Twit­ter unter­wegs sind. Zudem ist es eine Zeit­frage, die momen­tan durch die Freude daran auf­wie­gen kann. Frau Paul unter­strich noch einen wei­te­ren wich­ti­gen Punkt: wer in Social Media unter­wegs ist, muß authen­tisch sein. Die­sem Punkt stimme ich abso­lut zu. Hier gibt es kein Unter­schied zwi­schen der vir­tu­el­len und der rea­len Welt. Höf­lich­keit, Zuhö­ren, Anstand, Respekt gilt überall.

Wich­tige Fra­gen und Punkte wur­den in der Ver­an­stal­tung ange­spro­chen, man­ches hin­ge­gen auf­grund der Zeit weg­ge­las­sen (so bei­spiels­weise die ganze Pro­ble­ma­tik von SEO). Als Fern­teil­neh­mer möchte ich mich recht herz­lich für die Mög­lich­keit der Teil­nahme über Livestream und Twit­ter bedan­ken. Über letz­te­res konnte man seine Gedan­ken, Mei­nun­gen und Fra­gen in die Runde brin­gen. Dies brachte durch die Unmit­tel­bar­keit teil­weise eine Eigen­dy­na­mik zwi­schen den Vor-Ort-Leuten und Twit­ter­teil­neh­mern in die rege Dis­kus­sion ein. Der Hash­tag #BuchSW avan­cierte inner­halb kür­zes­ter Zeit zum belieb­tes­ten Schlag­wort in den Twittercharts.

Letzt­lich blieb die große Frage des Nut­zens ambi­va­lent unge­klärt, was mich zum zwei­ten Teil die­ses Posts bringt. Der Meine Ver­lag nutzt Social Media inten­siv, haupt­säch­lich den Blog, Twit­ter, Xing, Face­book, LastFM und Flickr. Vor­teil die­ser Tools ist es, schnell und unkom­pli­ziert ihn, seine Bücher und Auto­ren, seine Tätig­keit und seine Mit­ar­bei­ter vor­zu­stel­len. Der zweite Schwer­punkt liegt in der Kom­mu­ni­ka­tion mit ande­ren Leu­ten. Ich sage bewußt andere Leute. Denn hier liegt das Haupt­pro­blem, was ges­tern in der Dis­kus­sion immer wie­der durch­kam. Wen will man errei­chen? Den Leser? Kol­le­gen aus der Bran­che? Die Presse? Für letz­te­res sehe ich ganz gute Chan­cen, denn zahl­rei­che Jour­na­lis­ten sind im Web unter­wegs. Ebenso gilt dies für die Kol­le­gen. Kon­takte zu Ver­lags­kol­le­gen, als auch zu Buch­händ­lern und Auto­ren habe ich über Social Media schlie­ßen kön­nen. Aus­tausch und Infor­ma­tio­nen ste­hen an ers­ter Stelle. Wesent­lich pro­ble­ma­ti­scher sieht es bei den Lesern aus. Ehr­lich gesagt, ich weiß nicht, wie­viele Leser ich tat­säch­lich errei­che. Dies steht im Gegen­satz zu Zah­len wie “Face­book nut­zen 350 Mio. Men­schen”. 350 Mio. habe ich bestimmt nicht erreicht, wobei der Ver­lag wohl nur für einen Bruch­teil von ihnen inter­es­sant ist. Ein Teil von ihnen wird gärt­nern, an Autos schrau­ben, hand­wer­keln, Musik hören, wan­dern oder Com­pu­ter spie­len. Sie haben ganz andere Inter­es­sen und Ziele, warum sie im Netz unter­wegs sind. Hinzu kommt noch das Pro­blem, daß nicht alle Men­schen das Netz nut­zen. Mit Onlineak­ti­vi­tä­ten erreicht man sie nicht, weil sie ein­fach nicht da sind. Aber warum sollte man dann Social Media nut­zen, wenn es Zeit und Arbeit kos­tet und es frag­lich ist, ob man über­haupt damit mehr Bücher ver­kau­fen kann?

Für mich ist ist Social Media EINE Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mög­lich­keit! Nicht mehr und nicht weni­ger. Geht man mit zu hohen Erwar­tun­gen heran (maxi­male Stei­ge­rung, abso­lute Ver­la­ge­rung von klas­si­scher PR auf Online) wird man ent­täuscht. Es geht nicht um ein Aus­spie­len, um ein Klas­sisch vs. Social Media. Es geht um eine ver­nünf­tige Ergän­zung, um Chan­cen, um Aus­pro­bie­ren, um unmit­tel­ba­ren Kon­takt und Reak­tion. Das Zeit– und Arbeits­pro­blem ist mit einer inter­nen Prio­ri­tä­ten­set­zung gut zu lösen. Was will ich wen wo errei­chen? Die diver­sen Tools haben einen bestimm­ten Ver­wen­dungs­zweck, der sie aus­zei­chent. Twit­ter ist bei­spiels­weise sehr schnell, fast stak­ka­to­ar­tig. Da hilft ein wöchent­lich abge­setz­ter Tweet nichts, weil er ein­fach unter der Mas­ser der ande­ren unter­geht. Wenn ich die Zeit dafür nicht habe, dann muß ich mir Alter­na­ti­ven suchen.

Und warum ist es aus­pro­bie­ren? Ganz ein­fach: es gibt keine Lang­zeit­er­fah­rung wie in der klas­si­schen PR oder Öffent­lich­keits­ar­beit. Zudem kom­men neue Pro­gramme und Anwen­dun­gen hinzu. Panta rhei! Der schlech­teste Rat­ge­ber ist Angst, der Beste, sich die Mög­lich­kei­ten anschauen, über den Nut­zen und Auf­wand klar wer­den und dann Erfah­run­gen sammeln.

Ein ers­ter Bericht über den Event ist auf Buchmarkt.de zu finden.

Update (7.2.2010):

Die Zahl der Berichte über die Ver­an­stal­tung nimmt jetzt lang­sam zu.

Update II (8.2.2010):

Die Vor­träge von Lean­der Wat­tig, Nina Red­de­mann, Tho­mas Pfeif­fer, Susanne Mar­tin und Karla Paul kön­nen als Mit­schnitte nach­träg­lich ange­hört wer­den. Die Prä­sen­ta­ti­ons­fo­lien von Wat­tigs Vor­trag sind auf sei­nem Blog ein­seh­bar.

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06

02 2010

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  1. 1

    Hier wird eine der Grund­pro­ble­ma­ti­ken zwi­schen Ver­la­gen und Social Media ange­spro­chen wel­che 350 Mio. Men­schen bei Face­book errei­chen wir Medi­en­pro­du­zen­ten denn da? Die tra­di­tio­nelle Kom­mu­ni­ka­tion lief zwi­schen Ver­lag und Han­del oder Mul­ti­pli­ka­to­ren wie Redak­tio­nen. Social Media ist hier nur ein wei­te­res Werk­zeug, nicht mehr.
    Ande­rer­seits gibt es hier erst­mals die Mög­lich­keit, direkt mit dem End­kun­den zu kom­mu­ni­zie­ren. Das kann die Res­sour­cen, oft sowieso ange­spannt, ziem­lich in Bedräng­nis brin­gen, ande­rer­seits gibt es oft wenig Sinn, als Ver­lag gesamt zu kom­mu­ni­zie­ren. Mikro­grup­pen kön­nen und müs­sen ange­spro­chen wer­den, und zwar mit ihrem jeweils spe­zi­fi­schen Fach­in­ter­esse — und das kön­nen die wenigs­ten Ver­lage leis­ten. Interne Redak­teure und Lek­to­ren müs­sen ein­ge­bun­den wer­den (momen­tan liegt die Hoheit über Soci­al­Me­dia meist in den Mar­ke­ting­ab­tei­lun­gen), idea­ler­weise Auto­ren oder wei­tere Mul­ti­pli­ka­to­ren. Orga­ni­sa­to­risch noch schlim­mer wird es, wenn man Com­mu­ni­tyak­ti­vi­tä­ten nicht allein stem­men kann oder will und hier­für Koope­ra­ti­ons­part­ner hat.
    Die­sem Gedan­ken logisch fol­gend hät­ten also Ver­lage die bes­ten Chan­cen, die ganz klein und ziel­grup­pen­tech­nisch “ein­ge­engt” sind (und meist eh direk­ten Kon­takt zum End­kun­den haben) — oder die “Gro­ßen”, die sich ent­spre­chen­den Geld– und Res­sour­cen­ein­satz leis­ten kön­nen.
    Sor­gen müs­sen sich hier die mit­tel­gro­ßen Ver­lage machen, mit einem breit gefä­cher­ten inhalt­li­chen Ange­bot und begrenz­ten Mit­teln.
    Aber noch mehr Sor­gen müs­sen sich wohl jene machen, die gar nichts tun.

  2. 2

    Ich gehe mit die­sem Gedan­ken voll­kom­men mit. Für einen Erfolg ist es abso­lut not­wen­dig, wenn der Ver­ant­wort­li­che einen gewis­sen Frei­raum besitzt, um auch zügig rea­gie­ren zu kön­nen. Hier bedarf es den Mut und das Ver­trauen der Vor­ge­setz­ten. Es gibt aber noch ein wei­te­res Pro­blem beim Auf­bau von Social Media. Die Tools sind i. d. R. an bestimmte Per­so­nen gebun­den. Was pas­siert denn nun, wenn diese den Ver­lag wech­seln? Da zeigt es sich, ob es der Ver­lag oder der Schrei­ber der Anzie­hungs­punkt war.

  3. 3

    Das Pro­blem wird in Zukunft noch öfters auf­tau­chen, wenn Account­da­ten mit der betref­fen­den Per­son mit“verschwinden” oder gar der berühmte Admin-C für Domains. Wobei letz­te­res zwar auf­wen­dig, aber doch über die denic regel­bar ist, aber zB bei Twit­ter oder Face­book?
    Ande­rer­seits soll­ten wir diese Dis­kus­sion nicht zu laut füh­ren, sonst trauen sich noch weni­ger Ver­lage, ihre Mit­ar­bei­ter ins Social-Media-Abenteuer zu lassen…


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