Vorsicht vor der chinesischen Mafia! Kanadakolumne #014

Sams­tag­mor­gen in Kanada: Unser chi­ne­si­scher Ver­mie­ter hat mich schon einige Zeit nicht mehr in mei­nem Bade­hand­tuch über­rascht. Ich frage mich ernst­haft, ob es ihm gut geht und er okay ist. Meine Besorg­nis hält aller­dings nur bis zum fol­gen­den Tag an. Unser Haus­be­sit­zer schleppt näm­lich eine zarte, kleine Chi­ne­sin mitt­le­ren Alters ins Haus und zeigt ihr gedul­dig jeweils ein Zim­mer in allen drei Eta­gen. Nach sorg­fäl­ti­ger Inspek­tion des Hau­ses, wil­ligt die Dame ein und ent­schließt sich zu uns ins Erd­ge­schoss zu zie­hen. Jetzt wo wir ja Nach­barn sind, macht es uns auch über­haupt nichts aus, dass sie neu­gie­rig in unsere Räume lugt und unse­ren Kühl­schrank sorg­fäl­tig inspi­ziert. Gleich am nächs­ten Tag fährt sie mit ihrem knall­ro­ten PKW vor und ver­bar­ri­ka­diert die halbe Ein­fahrt mit Kar­tons, Schlaf­sä­cken und kis­ten­weise Lebens­mit­teln. Auf mei­nem Weg in die Frei­heit frage ich sie erstaunt nach ihrer geplan­ten Auf­ent­halts­dauer. Im flie­ßen­den Eng­lisch mit kla­rer, chi­ne­si­scher Beto­nung ent­geg­net sie: „Ach, nur 2 Tage!“ und baut wei­ter den Ein­gang zu. Als wäre das nicht son­der­bar genug, ver­sucht sie am Abend krampf­haft ihren Lap­top inter­nett­aug­lich zu machen. Da es Pro­bleme gibt, klet­tert sie in unsere kleine Tech­nik­kam­mer und spielt an den Kabeln herum. In mei­ner Fan­ta­sie sehe ich schon eine dicke „Offline-Warnung“ auf MEINEM Lap­top blin­ken.
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Erfreu­li­cher­weise ist die neue Mit­be­woh­ne­rin nicht allzu übereif­rig und geht zum Expe­ri­men­tie­ren in ihr eige­nes Zim­mer zurück, in dem sich immense Men­gen an tech­ni­schen Uten­si­lien auf dem Tep­pich­bo­den tum­meln. Als sie uns anbie­tet, uns mit ihrem Auto in die Rocky Moun­tains mit­zu­neh­men (ihr Mann unter­hält dort ein Motel), sind wir zunächst hoch­er­freut und eupho­risch. Je detail­lier­ter unsere Abspra­chen aber wer­den, umso skep­ti­scher wird unsere Ein­stel­lung gegen­über die­sem freund­li­chen Ange­bot. Sie gibt an, kein Handy zu besit­zen und den Abrei­se­ter­min zum Motel ihres Man­nes nicht zu ken­nen. Sie habe wohl noch „einen Job in Van­cou­ver zu erle­di­gen“ … Nach zwei Tagen räumt sie tat­säch­lich ihren gesam­ten Haus­rat zurück in das rote Auto und ver­wan­delt die Ein­fahrt ein zwei­tes Mal in eine Sperr­zone. Nach­dem sie drei­ßig Mal die Auf­fahrt hin­auf und hinab gerannt ist, plat­ziert sie noch eine Rie­sen­box mit Lebens­mit­teln in unse­rem Wasch­ma­schi­nen­raum und ver­kün­det: „Die Sei­ten­tür ist ja immer offen, ich kann also jeder­zeit wie­der­kom­men und in das Haus hin­ein.“ So; an die­ser Stelle ist es uns nun zu bunt. Wir bla­sen den Trip in die Rockies freund­lichst und dan­kend ab, da wir uns mitt­ler­weile ganz sicher sind, garan­tiert in die gefähr­li­chen Machen­schaf­ten der chi­ne­si­schen Mafia hin­ein­ge­zo­gen zu wer­den. Sobald sie sich von uns ver­ab­schie­det hat, for­schen wir nach einer Mög­lich­keit, die besagte Sei­ten­tür zu ver­bar­ri­ka­die­ren. Es gelingt. Wir atmen erleich­tert auf und set­zen uns nach geta­ner Arbeit auf die Ter­rasse und bräu­nen unsere Haut in der kana­di­schen Som­mer­sonne. Völ­lig uner­war­tet schießt plötz­lich unsere asia­ti­sche Freun­din um die Ecke und setzt sich gemüt­lich zu uns. Wir nut­zen diese äußerst güns­tige Gele­gen­heit für ein inten­si­ves Ver­hör und ent­lo­cken ihr fol­gende Tat­sa­chen:
1. Sie ist noch immer hier, weil sie den Haus­tür­schlüs­sel zurück­ge­ben muss.
2. Ihr voll­ge­stopf­tes Auto ist das Resul­tat ihres Haus­ver­kaufs hier in Vic­to­ria.
3. Die Lebens­mit­tel sind für das Motel ihres Man­nes.
4. Der mys­te­riöse Job ist ein Ver­wand­ten­be­such bei ihren Eltern, wohn­haft in Van­cou­ver.
Soweit so gut. Unsere Ver­mu­tun­gen, sie sei Mit­glied der chi­ne­si­schen Mafia, bestä­ti­gen sich nicht. Den­noch bleibt es uns ein Rät­sel, warum sie das Auto für zwei Tage kom­plett ent­la­den hat und wes­halb sie ihre Abende mit wild ver­streu­ten tech­ni­schen Bau­tei­len auf dem Fuß­bo­den ver­bracht hat. Trotz Frei­spruch kommt der Trip in die Rockies auf­grund unüber­wind­ba­rer Kom­mu­ni­ka­ti­ons­hin­der­nisse nicht zustande.

Über den Autor

Mady Host

... geboren 1985, studierte bis zum August 2008 Gesundheitsförderung und –management in Magdeburg. Seit Herbst 2008 studiert sie im Masterstudiengang Sozial- und Gesundheitsjournalismus. Im Februar 2009 erschien ihr erstes Buch über ihre Reise auf dem spanischen Jakobsweg. Im Folgejahr unternahm sie eine Trekkingtour auf Island und im Februar 2010 erschien ihr zweites Buch. Im Rahmen ihres Studiums absolviert sie gerade ein Austauschsemester in Kanada - und genau davon handelt auch ihre Kolumne... Von Magdeburg nach Frankfurt über New York nach Vancouver: Das Abenteuer Kanada kann beginnen! Mady und ihre Freundin Cornelia werden für fünf Monate sowohl den Campus der Uni Victoria, als auch die kanadische Wildnis unsicher machen. Mady berichtet in ihrer Kolumne über ihr Studentendasein in Victoria und denn Abbau ihrer Bären-Phobie.

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Website des Autorenhttp://www.mady-host.de

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07 2010

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