„Verzögerungen im Betriebsablauf …“ Der tägliche BAHNsinn #008
Anarchie
Jeder der öfters Bahn fahren darf, lernt im Laufe der Zeit die geheimen Spielregeln dieses Unternehmens kennen. Diese werden implizit über gewisse Erfahrungswerte bei der Reise vermittelt. Grob umrissen kann man diese Rege auf ein großes Hauptgebot herunterbrechen:
„Du sollst Dich schwarzärgern, wenn die Bahn mal wieder Mist gebaut hat.“
Eine simple Regelung, die den Alltag mit der Bahn in eine klare Richtung lenkt: Nur ein tobender Fahrgast ist ein guter Fahrgast.
Beispiele? Ein Zug hat 60 Minuten Verspätung, eine Durchsage verkündet, dass die Einfahrt des Zuges sich weiter verzögert. Ein Fahrgast – augenscheinlich ein gesitteter Geschäftsmann – pfeffert seine Aktentasche auf den Boden und mach seinem Ärger mit allerlei Beschimpfungen laut Luft. Ein DB-Mitarbeiter in 100 Meter Luftlinie lächelt zufrieden in sich hinein: „Braver Fahrgast, so ist es recht, lass es raus!“
Nun gut, klare Regeln also.
Was wäre aber nun, wenn ein Fahrgast diese heiligen Regeln missachten würde? Was wäre, wenn das Sakrileg der Unpünktlichkeit mit Freundlichkeit und Freude besudelt würde?
Man stelle sich das einmal so vor: Der wütende Geschäftsmann würde urplötzlich in Hosiannaausrufen umschwenken, glücklich zum DB-Mitarbeiter hüpfen, ihn umarmen und sich bedanken (ganz ohne ironischen Unterton natürlich).
Oder folgende Situation: Ein Fahrgast würde den Schaffner aufsuchen und sich bei ihm bedanken, das die Toilette mal wieder defekt sei – ohne diesen Umstand wäre er nie von seiner Inkontinenz geheilt worden. Preist die Bahn!
Oder wenn ein DB-Mitarbeiter mal wieder so richtig schön unfreundlich ist – ein anerkennendes Lob des Fahrgastes für das Pflichtbewusstsein dieser Person, man habe sich diese Maßregelung auch wirklich verdient!
Ja, die Gesichter der Schaffner, Servicemiezen und anderer DB-Organe würde jeder gern mal sehen. Wahrscheinlich würde unter ihnen Panik ausbrechen: Anarchie! Die Fahrgäste machen was sie wollen! Vielleicht würde der ein– oder andere DBler auch verzweifelt auf Knien flehend den Fahrgast bitten, ihn doch wenigstens ein klitzekleinwenig zu beschimpfen, oder er solle doch wenigstens grimmig dreinschauen. All diese seligen, bescheiden glücklichen Fahrgäste, für die das Glas Sekt halb voll ist, würden die DB an den Rand des Wahnsinns treiben.
Vielleicht – mal wieder eine These – ist die Bahn ja ein als Verkehrsmittel getarntes Unternehmen von Sadisten, die Zugverspätungen und andere Unannehmlichkeiten dazu nutzen, ihrem Faible nachzugehen, ihre Lust auszuleben? Statt anonym im Dunkel zwielichtiger Clubs schleichend sich auszuleben, können DB-Mitarbeiter hochoffiziell in Uniform (sic!) ihrer Leidenschaft frönen – ob aktiv oder eher passiv, für jeden ist etwas dabei.



